RSH - Wie alles begann...
  Mitschnitte
 
Wie wurde ein Sendungsmitschnitt bei R.SH angefertigt und welche unterschiedlichen Möglichkeiten gab es überhaupt?

Heute ist es ziemlich einfach: Das gesamte Programm wird über 90 Tage auf einem Server in der Technik mitgeschnitten und jeder Mitarbeiter kann in diesen "Logger" gehen und sich die entsprechenden Dateien (128 kbit/s mp3-Files) herauskopieren.

Wie aber praktizierte man dies analog in den 80er und 90er Jahren ohne große Server-Speicherkapazitäten?
Dazu hat uns der von 1986 bis 1991 bei R.SH tätige Tontechniker Stephan Hellwig sehr gute Erläuterungen gegeben. RSH-History hat dies mit einigen Fotos ergänzt. In rot die Fragen seitens RSH-History.

Bei den Mitschnitten gab es folgende 4 Möglichkeiten:


1. Mitschnitt im Sendestudio
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Zum Mitschnitt gab es in jedem Sendestudio einen Kassettenrekorder, der den Mischpultausgang des Studios aufnahm. Diese Mitschnitte waren unvollständig, da die Sendungsteile, die kurz vor halb oder kurz vor dem Report liefen (z.B. Werbung, Trailer und Sport um halb), aus der Senderegie kamen. Dabei hatte die Regie generell eine höhere Sendepriorität als die Studios. Wenn also die Senderegie On-Air war, konnten die Moderatoren bei offenem Mikro sagen was sie wollten, ohne dass es über den Sender ging. Auf dem Kassettenmitschnitt im Sendestudio wurde das aber natürlich aufgenommen. Durch die Aufnahme des Mischpultausgangs waren diese Mitschnitte also nicht nur unvollständig,
sondern auch schlichtweg falsch. Es wurden Sachen aufgenommen, die niemals so On-Air waren.

Warum ist die Werbung trotzdem auf einigen Mitschnitten leise im Hintergrund zu hören?

Dazu muss man zunächst wissen, dass nicht der Mischpultausgang abgehört wurde. Das Monitoring im Studio fand über einen sogenannten "Abhörtastensatz" statt. Auf dem lagen u.a. die Sendewege für die verschiedenen Regionen in Schleswig-Holstein. Diese Sendewege wurden vor der Weiterleitung an den R.SH Postübergaberaum abgegriffen und da war dann natürlich wirklich alles drauf, egal von wo (Studios oder Regie) gesendet wurde. Im Normalfall war es egal welchen Sendeweg der Moderator für die Abhöre wählte, da gewöhnlich auf allen Sendewegen das gleiche Programm lief.

Also, der Moderator hörte auf dem Sendeweg auch die Werbung über den Kopfhörer. Das Signal des Kopfhörers ging wiederum in das geöffnete Mikro. Abhängig von der Abhörlautstärke auf dem Kopfhörer, war das dann mal leiser oder etwas lauter zu hören. (Ulf Hagge sehr laut! Anm.RSH-History...;-)
Wegen der höheren Sendepriorität der Senderegie war das geöffnete Mikro während der Werbung nicht On-Air (s.o.).

Da in den Sendewegen nur analoge Signalprozessoren arbeiteten, spielten damals Latenzen (Signalverzögerungen) bei der Abhöre der Sendewege keine Rolle. Es wäre natürlich fatal, wenn der Moderator sich selbst über Kopfhörer (Sendeweg) mit einer Verzögerung hören würde. Es waren auch
nur 2 analoge Geräte in jeden der 5 Sendewege geschaltet:


a. OPTIMOD (Hersteller)
Der OPTIMOD war u.a. ein frequenzabhängiger Kompressor, der für einen "fetteren" Sound sorgte. Weitere Vorteile waren dadurch:
- Generell höhere Pegel (geringere Pegel führen leichter zu Störungen im UKW Empfang)
- Erhöhung der Reichweite (z.B. wegen des schlechten Empfangs in Hamburg)
- Gleichbleibende Lautheit (wichtig, da die meisten Zuhörer das Programm ja nebenbei hören).

b. NTP (Hersteller) Sendebegrenzer
Der NTP war ein Audio Limiter, der wirklich nur Signale bis zu einem gewissen Pegel durchließ und alles was darüber war "abschnitt". Das war eine Auflage der Post, da die Leitungen keinesfalls übersteuert werden durften.

Neben 5 Sendewegen gab es einen 6. Sendeweg für Notfälle, der aber nicht über diese teuren Geräte verfügte. Die Senderegie war übrigens gewöhnlich von 04:45 Uhr bis ca. 22:00 Uhr besetzt. In der Nacht wurde alles komplett aus dem Sendestudio gefahren.

Warum ist z.B. nachts der Report auf den Studiomitschnitten der Moderatoren zu hören, der immer aus einem anderen Studio kam, als die eigentliche Sendung?

In diesem Zusammenhang spielten die frei belegbaren Mischpulteingänge der Sendestudios ("Einspielregler") eine wichtige Rolle. Aus dem Studio 1 kam z.B. die eigentliche Sendung, während sich der Report-Sprecher in Studio 2 auf seinen Report vorbereitete. Auf dem "Einspielregler 1" im  Studio 1 lag dann der Studioausgang des Studio 2. Um den Report On-Air zu holen, wurde der "Einspielregler 1" einfach hochgezogen. Studio 1 blieb also quasi das eigentliche Sendestudio. Deshalb ist der Report auf den Studiomitschnitten der Moderatoren zu hören.


Links befindet sich das Deck für den Studio-Mitschnitt

2. Mitschnitt "Air-Check"
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Der "Aircheck" war zunächst einmal ganz normaler prof. Audio Kassettenrekorder, der in der Senderegie montiert war. Wenn der Mikroregler im Sendestudio hochgezogen wurde, fing das Gerät an aufzunehmen. Wenn man den Mikroregler wieder ganz runter zog, stoppte es wieder.
Danach hatte man auf der Kassette also einen reinen Mitschnitt der Moderationen.
Ich meine, es wurde wirklich UKW Kiel recorded und kein Sendeweg.

Seine Sendung mitzuschneiden war für Moderatoren Pflicht, und sie waren auch dafür verantwortlich, dass eine Kassette eingelegt war.
Gelegentlich wurden diese Air-Checks von der Programmdirektion überprüft.

Technisch war das relativ simpel, da prof. Broadcast Mischpulte Faderkontakte besitzen. An den Mischpulten sind sie z.B. zum Starten von Geräten gedacht (damals Plattenspieler, Tonbandmaschine, Cart-Player) oder zum Einschalten des Rotlichts beim öffnen des Mikrokanals.
Aber für den Air-Check ging das natürlich auch. Es wurden bei R.SH nur Audio-Kassettenrekorder von STUDER (prof. Audioabteilung von REVOX) genutzt, die entsprechende Kontaktanschlussmöglichkeiten besaßen.
Wahrscheinlich hätte man dem Gerät bei entsprechender Belegung auch sagen können, spule bei Kontakt vorwärts. Ob da nun ein Kontakt geöffnet oder geschlossen wurde, kann ich aber nicht mehr sagen. Auf jeden Fall wurde der Faderkontakt schon beim geringsten hochschieben des Faders ausgelöst. Je nach dem welches Studio sendete, musste natürlich auch in der Senderegie der Faderkontakt des Air-Checks entsprechend dem Sendestudio gesteckt sein.

Den Air-Check nutzten einige Redakteure auch zur Selbstkontrolle, wie z.B. Ulf Hagge. Wenn ich mich recht erinnere, zog er auch bei jedem Musikübergang den Mikroregler minimal hoch. Auf dem Air-Check konnte er also nachher nicht nur seine Moderationen, sondern auch alle seine Musiküberblendungen kontrollieren. Sehr professionell!


Studer-Tapedeck zum Mitschnitt des "Airchecks"


Kontrolle des Audiosignals in der Technik: Es ist 09:27 Uhr und 35 Sekunden am Mittwoch,
den 09. November 1988 - übrigens genau ein Jahr vor dem Mauerfall....


3. Mitschnitt "Ghettoblaster"
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Ich meine es gab später auch in der Redaktion noch einen Radiorekorder, mit dem man seine Sendung komplett über UKW aufzeichnen konnte.

4. Gesetzlicher Mitschnitt
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R.SH war verpflichtet sein Programm nahtlos zu archivieren. Ich glaube es waren 6 Wochen oder sogar 3 Monate vorgeschrieben.
Exakt, 6 Wochen in den ersten Jahren und 16 Wochen sogar am Ende dieser Technik, Ende Dezember 2002 (Anm. RSH-History)

Dafür gab es 3 timerprogrammierte Consumer Hi-Fi S-VHS Rekorder von PANASONIC, in denen jeweils eine 240Min Kassette eingelegt war.
Aufgenommen wurde die Kieler UKW Frequenz. Als Videobild  wurde das Signal eines Timecode Generators aufgenommen. Dieser Timecode Generator war ein Gerät, dass ein Videobild generiert, in dem die Uhrzeit zu sehen ist.



Hier der Timecode Generator am Beispiel des 06. Februar 1991

Die Qualität spielte nur eine untergeordnete Rolle, da diese Mitschnitte nur als Beleg dienten. Recorded wurde im LP Mode (Long Play), so dass sich pro Kassette eine Gesamtlänge von 8 Stunden ergab. Dadurch, dass Tapes immer etwas länger recorden können als die aufgedruckte Länge, wurde also bequem ein Tag abgedeckt und es mussten nur 1x am Tag die Tapes gewechselt werden. Die Kassetten befanden sich in einer Rotation.
D.h., nach den o.g. Zeitraum wurden die alten Kassetten überspielt. Ein weiteres Gerät gab es als Ersatz.

Trotz Consumer-Technik funktionierte das erstaunlicherweise recht gut.
Der größte Fehlerfaktor war der Mensch (Kassettenwechsel vergessen).
Ein Schwachpunkt des Systems war, dass man im ungünstigsten Fall 8 Stunden warten musste, bevor man an das Tape rankam; sprich der nächste Rekorder ansprang.


Das Display dieser Recorder, hier am Beispiel 14:45 Uhr.
Der gesetzte Timerstop war für 22:47 Uhr vorgesehen. Hier lief i.d. Regel immer Musik
und vor allem sollte 2 Minuten vorher (22:45 Uhr) der nächste Recorder
anspringen (Anm. RSH-History)



Die benutzten Kassetten von BASF. Dieser Typ wurde bis Anfang 1991 benutzt. Dann gab es einen BASF-Nachfolger (Anderes Case;-)


Der letzte Kassettentyp Ende Dezember 2002

Aber auch ohne die gesetzliche Vorschrift gab dieser Mitschnitt Sinn, was sich aber erst im Laufe der Zeit herausstellte. So kam es z.B. doch gelegentlich vor, dass ein Werbekunde meinte, dass sein Werbespot nicht zu entsprechender Zeit gelaufen war. So hatten wir immer "Beweismaterial", um das zu klären.
Apropos Beweismaterial: Einmal stand auch die Polizei vor der Tür. Zur Klärung eines Verbrechens war der Tatzeitpunkt sehr wichtig. Ein Zeuge konnte sich nicht mehr an die genaue Uhrzeit erinnern, aber er wusste, dass ein ganz bestimmter Song zu diesem Zeitpunkt bei R.SH lief. Mit unserer Archivierung war die Sache schnell geklärt.


5. Gesetzlicher Mitschnitt 8-Spur Tonbandmaschine
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R.SH war von Anfang an in der Lage bis zu 5 unterschiedliche Programme
parallel zu senden. Die sog. Sendewege waren:

1. Nord-Holstein (Hauptfunkturm Flensburg)
2. West-Holstein (Hauptfunkturm Heide)
3. Ost-Holstein (Hauptfunkturm Lübeck)
4. Süd-Holstein/Hamburg (Hauptfunkturm Kaltenkirchen)
5. Kiel (Hauptfunkturm Kiel)

Einige Regionen hatten mehrere Funktürme. Z.B. gab es noch einen auf Sylt. Ob der nun das Signal von „Nord-Holstein“ oder „Ost-Holstein“ sendete, weiß ich leider nicht mehr.

Anfangs wurde sehr wenig regionalisiert gesendet. Eine Ausnahme waren die regionalen Nachrichten. Für jede Region gab es ein Außenstudio, welches fest mit einem Regional-Reporter besetzt war, der Nachrichten aus seiner Region lieferte. Bei größerer Bedeutung wurden diese Nachrichten ganz normal im Report als Beitrag gesendet. Wenn der Bezug doch eher regional war, ging das regionalisiert On-Air. Wenn ich mich recht erinnere, gab es anfangs 2x am Tag für knapp 2 Minuten innerhalb des Reports eine Rubrik „Report vor Ort“. Da wurden dann tatsächlich 5 komplett unterschiedliche Programme (Nachrichten) gesendet.

Das war ein Problem für den lückenlosen gesetzlichen Mitschnitt (siehe „4.“), da ein Hi-Fi VHS Rekorder nicht 5 verschiedene Signale gleichzeitig aufnehmen kann. Deshalb nahm während der Regionalisierung zusätzlich ein 8-Spur Tonbandgerät die 5 unterschiedlichen Programme in Mono auf.



Vielen Dank an Stephan Hellwig für ausführlichen Erläuterungen!!!

Hier noch chronologisch die untersch. Kassettentypen, die für Audiomitschnitte der Moderatoren im Laufe der Jahre genutzt wurden:



(Genutzt vom Sendestart bis ca. Mitte 1987)



(Genutzt ab Anfang 1987 bis ca. Ende 1988)



(Parallel dazu diese Sony)



(Genutzt ab Herbst 1989 bis ca. 1990/91)



(Genutzt 1991/92)



(Genutzt 1991 bis ca. 1993)



(Genutzt 1992 bis ca. 1994)



(Genutzt 1994 bis 1995)



(Genutzt 1995 bis Ende 1997/Anfang 1998)